Zahlt sich Social Media wirklich aus?
Ein Panel im Rahmen von der DJV-Tagung Besser Online 2010 im BR-Funkhaus in München zeigt positive Beispiele und gibt Handlungsanleitung.
"Ohne alles das wäre meine ökonomische Situation deutlich schlechter. Das ist nachweis- und messbar. 60 Prozent meiner Blogbesucher kommen über Social Media. Und ohne den Blog hätte ich viele Aufträge nicht bekommen." Diese für viele sicher überraschenden Sätze sagte der Journalist und Unternehmer Christian Jakubetz zum Abschluss des gut besuchten Panels "Web 2.0: Wie sich Journalisten als Marke positionieren".
Erfahrungsberichte von Journalistenkollegen aus der ganzen Republik hatten vorher eher den Eindruck erweckt, Engagement auf Plattformen wie Facebook oder Twitter hätten eher wenig konkreten Nutzen im beruflichen Alltag und für die Erlössituation.
[Fotos von der Veranstaltung bei Flickr.com] [2] [3] [4] [5]
Der Moderator der Gesprächsrunde, Peter Jebsen, hatte immerhin zu berichten gewußt, wie Twitter punktuell als Mittel des viralen Marketings funktionieren kann. Eine von ihm zusammengestellte Liste deutschsprachiger Medien bei Twitter sei innerhalb kurzer Zeit vielfach "retweetet" worden und habe so zu Rekord-Traffic in seinem Blog geführt. Er forderte die Kollegen auf: "Versuchen Sie, das Web 2.0 zu leben: Kommunizieren Sie - mit Fachkollegen und ihren Lesern."
Auch Katrin Scheib, Chefin vom Dienst beim WAZ-Portal DerWesten.de ermunterte, mit den Techniken des elktronischen Netzwerkens zu experimentieren. Für freie Autoren könne es durchaus hilfreich sein, "wenn der CvD schon mal was von ihm auf Twitter gelesen hat". Ein Blog zeige darüber hinaus, "welchen Regeln die Leute folgen". Und wenn die stimmten, gebe es von ihr auch eher Aufträge. Bedenken, zu viel Privates von sich im Netz preis zu geben begegnete sie mit dem Hinweis, auch der Verfasser einer Guten-Morgen-Kolumne in der Lokalzeitung verrate ja unter Umständen einiges über sich selbst.
Der eingangs zitierte Christian Jakubetz warf mit Bezug auf das Thema der Runde die Frage auf, ob man sich überhaupt positionieren müsse. Für angestellte Kollegen sei es vielleicht nicht unbedingt sinnvoll, für Freie aber eine gute Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. So könne man sich einerseits als Person präsentieren, andererseits die eigene Arbeit auch ohne Sender und Verlage im Rücken auf den Markt bringen. "Aber: wenn man keine gute Geschichten zu erzählen hat, ist es unsinnig."
Schwarzer-Rant bringt Flattr-Pennies
Sein größter Blog-Erfolg in der letzten Zeit sei im Übrigen ein ganz spontan verfasster Text über den Umstand, dass Emma-Gründerin Alice Schwarzer ausgerechnet in der Bildzeitung über den Kachelmann-Prozess berichtet habe. Über den Micro-Bezahl-Dienst Flattr.com habe er dafür mehr Geld eingenommen als für manchen Zeitungstext.
Er trat dabei dem Missverständnis entgegen, Social Media sei lediglich eine "Linkschleuder", die autmatisch jede Mege Traffic und Einnahmen bringe. Vielmehr müsse man bereit sein, auf diesen Plattformen ernsthaft mit den Leuten zu reden: "Und das ist richtig Arbeit, tägliche Arbeit ohne Garantie auf Erfolg." Allerdings habe sich die Einsicht, dass Journalisten auch unternehmerisch denken müssen, noch nicht durchgesetzt.
Tschüss, 8-Stunden-Tag
Er jedenfalls habe keinen 8-Stunden-Tag mehr: "Wenn man sich auf dieses digitale Leben einlässt, muss man sich damit abfinden, dass man keinen Feierabend mehr hat. Das bedeutet auch die Auflösung von privaten und beruflichen Grenzen." Denn man müsse nicht nur die Blogs täglich befüllen, sondern auch die Anschlusskommunikation mit den Nutzern leisten.
Morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Zu-Bett-Gehen schaue er noch bei Twitter und Facebook herein. An manchen Tagen summierten sich die Social-Media-Aktivitäten leicht auf 5 bis 6 Stunden.
Transfermarkt für Edelfedern
Ähnliche Einblicke lieferte Dorin Popa, der als Freier unter anderem für Burda-Titel schreibt und im übrigen das "Nice Bastard Blog" betreibt. Auch er habe bereits als Folge von social media Aufträge bekommen - "aufgrund von respektlosen Tweets - nicht aufgrund des Blogs". Er erwartet, dass sich für Edelfedern künftig ein Transfermarkt "wie in der Bundesliga" entwickle.
Aber nicht immer solle es ums verkaufen ghen. Für ihn sei vielmehr spannend, die Hoheit über das eigene Schaffen wieder selbst in die Hände zu bekommen.Schließlich könne man mit wenig Geld weltweit Medien publizieren. Wer sich gut verkaufen könne, schaffe das ohnehin wohl auf jedem Weg.
Frust im Shitstorm
Zwei "Warnhinweise" gab er dem Publikum mit: Es sei ein Denkfehler zu glauben, das Inernet koste nichts. "Es kostet nämlich Energie und Zeit". Und: "Marken polarisieren. Auch sie werden angegriffen, wenn sie sich als Marke inszenieren." Viele Kollegen seien schwer frustriert über den ersten "Shitstorm", (also jene berüchtigte Welle von teils auch sehr persönlicher Kritik, die oft unerwartet über einen hereinbrechen kann). Er aber baue sich einen Namen auf und eine gewisse Kompetenz "Und es macht tierisch Spaß".
Alexander von Streit, Leiter Digitales bei Focus Online, konstatierte einen "fundamentalen Medienwandel", bei dem es darauf an komme, Bekanntheit zu erlangen, Marken auf zu bauen - und nannte als Beispiel den Medienjournlisten und Blogger Stefan Niggemeier, der "eine Insitution im Medienmix" geworden sei.
Solcher Erfolg stelle sich aber nur ein, "wenn man was zu sagen hat und fleißig ist". Man müsse laufend "die Kanäle bedienen. Er selbst habe früher ähnlich gearbeitet, aber nicht die entsprechende Reichweite erreicht. Wenn man seine, von Streits, Aufmerksamkeit gewinnen wolle, "schreiben Sie Blog und Twittern sie, das nehm ich war. Kontaktieren Sie mich aber nicht per Facebook, das ist nach wie vor mindestens semi-professionell, da werde ich sie nicht als Kontakt akzeptieren, wenn ich sie nicht kenne und ihnen nicht vertraue".
Entdecke die Möglichkeiten
Symptomatisch für den Stand der Dinge sei, dass sich Selbst Online-Journalisten sich über die Möglichkeit beschwerten, unter den Artikeln Kommentare abgeben zu können. Sein Apell zum Abschluss der Runde: Wir müssen uns aber alle Medienkompetenz erabeiten für das, was da kommt. Früher wurden alle gezwungen, EDV zulernen, dann Internet. Und jetzt ist es social media. Man muss es nich tun. Aber es ist wichtig, zu kapieren, wie es funktioniert. Es ist keine Bedrohung. Es sind Möglichkeiten."
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